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Siegener Zeitung, 03.05.2010

Westfalenpost, 03.05.2010


Ulm, Neue Ulmer Zeitung, 30.10.2008


Marburg, Neue Zeitung, 28.10.2008

Essen, WAZ, 13.10.2008
Essen, NRZ, 13.10.2008
Offenbach, Offenbacher Post, 22.07.2008

Frankfurter Rundschau 18. 08. 2004 Von Gerd Döring
Grundton-Treffer
Pianist KL zeigt sich auf Schloss Johannisberg
als perfekter Skrjabin-Interpret
Dem eigenwilligen Alexander Nikolajewitsch Skrjabin hätte
es wohl gefallen, das Kostüm, das KL für sein Recital
beim Rheingau-Musik-Festival ausgewählt hat. Auf drei Klavierabende
verteilt sind in diesem Sommer alle Klaviersonaten des russischen
Komponisten zu hören - und Lifschitz, im zweiten Konzert, ist
vielleicht der kompetenteste der eingeladenen Skrjabin-Interpreten.
Ein Grübler, der sich mit Inbrunst in die Vorstellungswelt
des Komponisten hineinversetzt, ein Perfektionist zudem, der die
technischen Schwierigkeiten mühelos bewältigt. Für
sein Klavierabend im Rheingau hat er sich in ein Cape gehüllt,
und mit seinem dunklen Bart, dem blassen Teint ruft er Assoziationen
wach an Scwärmer und Barrikadenstürmer.
Im Stehen fast beginnt er die erste Sonate, mit hämmerndem
Anschlag lässt er den Steinway zuweilen arg brummen und summen,
dann wieder nimmt er sich lange Pausen, setzt geradezu blumige Akzente.
Indes, das ist keine Effekthascherei. Die so ungestüme Weltsicht
des Komponisten setzt Lifschitz mit nachdruck um, den schwärmerisch-pathetischen
Grundton der Kompositionen trifft er exakt. Schon nach dem ersten
Satz, einem halsbrecherischen Allegro con fuoco, erhält der
Mann in Schwarz zögernd Beifall. Beeindruckend auch, wie Lifschitz
in der Sonate Nr. 4 fis-Dur op. 30 den Vorstellungen Skrjabins gerecht
wird. Die Rechte irrlichtert durch Andante und Prestissimo volando,
während die Linke die Melodieführung übernimmt. Mit
der Sonate Nr. 1 f-Moll op. 6, geschrieben von dem Zwanzigjährigen,
beginnt eine Zeitreise durch das Werk des Komponisten, die endet
mit eine der letzten, 1913 vollendeten, einsätzigen Sonate
Nr. 8 op. 66.
Studiert hat der 1976 geborene L. in Moskau am renommierten Gnessin-Institut,
längst aber ist der Pianist zum Kosmopoliten geworden, pendelt
zwischen Russland, Deutschland und den USA, wo seine Familie lebt.
In Schloss Johannisberg zeigt sich der wortkarge Pianist als wunderbarer
Sachwalter der musikalischen Materials. Erarbeitet hat er sich inzwischen
ein breites Programm: Beethoven, Chopin, Schubert, Schumann, Bach,
Couperin und Rameau, dazu seine Landsleute Medtner, Rachmaninoff,
Skrjabin. Noch meldet der technisch so perfekte Interpret die moderne.
Den drei Skrjabin-Sonaten stellt er Beethovens Diabelli-Variationen
op. 120 zur Seite. Das Vivace-Thema stellt er vor mit grellem Witz,
leitet es über mit quasi ironischem Pomp ins Alla Marcia maestoso
und lässt die folgenden mal bissigen, mal versponnenen Anverwandlungen
des Walzer-Themas Revue passieren, Eine ausgeklügelte Tour-de-Force,
die er erst in der Zugabe mildiert. Gerade haben sich die ersten
erhoben und applaudieren im Stehen, da nötigt der Pianist die
Zuschauer wieder auf ihre Plätze und nimmt mit einem zauberischen
Praeludium und Fuge dem Abend seine Strenge. Hat er bislang Strukturen
offen gelegt und Noten getürmt, so wandert er hier traumverloren
über die Tasten, eine andere, nicht minder überzeugende
Seite von Lifschitz.
WAZ, 18.07.2003 Hans-Jörg Loskill
Dieser Pianist überrennt die alten Klischees
Hinreißend: KL
Sponsor Gelsenwasser landete beim Klavier-Festival Ruhr einen
Volltreffer. Im gut besuchten Großen Haus des Musiktheaters
erwies sich das Solo von KL, 26, als einer der Höhepunkte der
diesjährigen Pianisten-Stafette.
Bei diesem Recital mit dem jungen Russen... stimmte alles. Das Programm
trug eine deutliche persönliche Handschrift (Schumann, Martinu,
Liszt), einen solch' kultivierten Anschlag beherrscht nur ein Künstler
der Extraklasse, Romantik wurde in all' ihren Facetten analysiert,
das virtuose Element überrannte die Klischees, mit denen ein
Komponist wie Franz Liszt als Gigantomane leben muss, Musik unter
den filigranen und sensiblen Händen von Lifschitz besitzt den
Charakter von Lebensabschnitten und -bildern: Szenen aus dem seelischen
Befinden der Komponisten, gespiegelt in den Emotionen des Solisten.
Dabei kommt er beinahe linkisch aufs Podium, schaut bemerkenswert
oft in Richtung Vorhang (also nicht zum Publikum), als suche er
dort noch die letzte Inspiration oder ein geistiges Echo auf sein
fabelhaftes Spiel. Lifschitz nimmt den Rang eines introvertierten
jungen Menschen ein, der technische Herausforderungen mit Anmut
besteht - wie beim Miniaturenkosmos der "Davidsbündlertänze"
von Robert Schumann oder wie bei Franz Liszts sechs "Grandes
etudes" nach den Violin-Capricen und "La campanella"
von Niccolo Paganini, Da klingt alles homogen, harmonisch, organisch,
beseelt und tief erfüllt. Hinreißend!
Bei Bohuslav Martinus Rarität, der Fantasie und Toccata, entzündete
sich sein solistisches Feuer an den jazzigen Rhytmusfarben. Lifschitz,
der sich von den Schumannschen "Papillons" bis zur letzten
seiner vier Zugaben (Bach, Liszt u.a.) höchste Konzentration
bei schweißtreibenden Temperaturen auferlegte, vermittelte
den Eindruck eines außergewöhnlichen Ereignisses. Der
Beifall fiel dementsprechend aus.
Mit diesem Abend ging die Gelsenkirchener Serie des Klavierfestivals
Ruhrgebiet zu Ende. Es war eine Demonstration für die Ästhetik
auf den schwarzen und weißen Tasten - ein Plädoyer für
die "unsterbliche" Klaviermusik.
Westfällischer Anzeiger 18.07.2003
Von Elisabeth Elling
Verklärungen
KLAVIER-FESTIVAL RUHR Der Pianist KL in Gelsenkirchen
Zwei Zugaben legen eine Spur zu der Kunst des Pianisten Konstantin
Lifschitz. Die Vielstimmigkeiten bei Johann Sebastian Bach, die
er fernab des historischen Schlankheitswahns zelebriert, offenbaren
seine analytische Verklärungskraft...
Aber nicht erst bei den Zugaben halten die Zuhörer im Gelsenkirchener
Musiktheater im Revier den Atem an. Sie haben Lifschitz bereits
mit Schumanns Davidsbündlertänzen op.6 und dann vor allem
mit Liszts Grandes études de Paganini (Fassung von 1851)
erlebt. Ein sensationelles Konzert beim KlavierFestival Ruhr.
Dabei verweigert sich der 26 - Jährige dem Aufsehen, zieht
sich hinter die Musik zurück: Ein hagerer junger Mann mit vornüber
gebeugten Schultern, schwarzem Rauschebart und Frack, der vor dem
Flügel Platz nimmt und sofort beginnt mit Schumanns Papillons
op. 2. Der keinen Augenkontakt sucht zum Publikum, sondern seine
Hände auf den Tasten beobachtet - oder den Halbkreis der Grünpflanzen
links neben ihm der Bühne...
Schon die Davidsbündlertänze sind Staunen erregend. Ganz
abgeklärt, wie ein versöhnter Rückblick auf vergangene
Erregungen, klingen Schumanns Selbstreflexionen. Welche Piani sind
da zu erlauschen! Ganz eben in die Tasten gedrückt, im Vorbeistreichen
angemerkt, mit behutsamer Innigkeit belebt oder eigenartig stumpf
und abgewandt. Doch es gibt auch Aggressionen: atemlos und zerfahren
("Ungeduldig") oder bis zur Implosion stürmend und
drängend (Sehr rasch und in sich hinein").
Und dann die Liszt-Etudes. Artistische Vorzeigestücke, ganz
in der Repertoire-Tradition russischen Pianistenschule, zu deren
Heroen Horowitz, Richter, Gilels ihn die Kritik schon als 15-Jährigen
einreihte. Er bewältigt die virtuosen Unglaublichkeiten mit
sprödem Understatement, etwa die Passage für die linke
Hand in der ersten Etüde, um dann die Läufe kollern zu
lassen, als kraule der von Liszt bewunderte Paganini die Saiten
des Violinenhalses.
Lifschitz hantiert mit seiner technischen Perfektion nicht um ihrer
selbst willen, sondern um Klang räume zu entdecken und feinste
Schichten freizulegen aus Farbe, Dichte, Dynamik, Festigkeiten und
Zärtegraden. Das gis-Moll Etude Nr. 3 ("La Campanella")
entrückt er in gläserne Unwirklichkeit. In dieser sakralen
Sphäre treffen sich seine Bach- und Liszt-Lesarten.
Main Echo 26.11.2003 Werner Häußner
Voller Hingabe
Weltklasse in Würzburg: Pianist KL
Ein nachweislich weltgewandter Würzburger Konzertgänger
bemerkte nach dem Auftritt von KL bei den Bachtagen, das Spiel des
jungen Mannes könne er nur mit einem vergleichen: Wladimir
Horowitz. Sind solche Superlative für gewöhnlich aus momentaner
Begeisterung gespeiste Übertreibungen, sind sie im Falle des
26-jährigen Russen nicht zu weit hergeholt.
In Gipfelregionen der Klavierkunst
Im...Großen Saal der Musikhochschule hat sich erneut bestätigt,
dass hier ein Ausnahmetalent herangereift ist, das zu den Großen
der Klaviermusik gehören wird, wenn man nicht schon jetzt konstatieren
muss, dass Lifschitz sich bereits in den Gipfelregionen seiner Kunst
bewegt. Was den Ausnahmerang dieses Pianisten unterstreicht: Lifschitz
hätte nicht der sechs gigantischen Paganini-Etüden Franz
Liszts bedurft, um im Saal atemlose Spannung und mucksmäuschenstille
Aufmerksamkeit zu wecken: Das schafft er problemlos mit Frescobaldi
und Bach! Drei Toccaten, ein Ricercar und eine Bergamasca des frühbarocken
Meisters genügen um zu verzaubern. Lifschitz formt die Stücke
zu höchst individuellen, hingebungsvoll gestalteten Miniaturen.
Nur schwer ist zu fassen, worin die Faszination solcher Klavierkunst
besteht, denn alle Parameter wie sorgsame Agogik, sensibel geformte
Arpeggien und Verzierungen, nachsinnende Gewichtung von Schlüsselnoten,
exquisite Phrasierung und ein souveräner Blick für den
formalen Aufbau reichen nicht hin, die Faszination zu erklären.
Das können auch andere.
Aber Lifschitz formuliert daraus etwas wie ein persönliches
Bekenntnis. Da ist Musik durchdrungen von der Person des Pianisten,
unspektakulär, unaufwändig, doch mit einem existentiellen
Ernst und Einsatz, der es rechtfertigt, auf Horowitz, Gould oder,
um einen ähnlich potenten Zeitgenossen zu nennen, Grigory Sokolow
zu schielen. Und dann der Bach des KL: kein historisch bemühtes
Gestocher, sondern ein entrückter Kosmos von Musik, in jedem
Moment dem Bachischen Genius huldigend, den manch anderer mit bemühter
Korrektheit einzufangen strebt. Das Capriccio über die "Abreise
des innig geliebten Bruders" (BWV 992) wird zu glänzend
erzähltene kleine Geschichte, farbigen Charakterstücken,
die wieder einmal bedauern lassen, dass Bach bei so viel rhetorischem
Talent keine Oper geschrieben hat. Großartige Formübersicht,
spannungsvolle Inszenierung en detail, bis in die letzte Verästelung
durchhörte Komplexität, so könnte Lifschitzs Zugang
beschrieben werden wäre da nicht dieses "Mehr", das
sich kaum benennen lässt. Lifschitz schafft es die "Abschied
nehmenden Freunde" wie musikalische Charaktere auftreten zu
lassen, gibt ihnen Profil, Gewicht, dramatisches Leben.
Und die e-moll-Partita (BWV 830) wird unter seinen Händen zu
einer vergeistigten Studie über absolute Musik, zu einer verinnerlichten
Meditation über die Form, die alles andere als trockenes Exerzitium
ist: Wie Lifschitz den inneren Bezügen nachlauscht, wie er
sie in souveräner Darstellungskunst musikalisch vergegenwärtigt,
ist nicht nur ein Zeugnis höchster Pianistenkunst, sondern
auch ein Indiz für eine innere Kraft, die aufzubringen nicht
jedem gegeben ist.
Beherrschte Disziplin
Schließlich Franz Liszt von Lifschitz nicht zelebriert mit
der hexerischen Attitude des dämonischen Virtuosen. Lifschitz
besticht gerade nicht im Hochwerfen der Arme und in der donnernden
Demonstration von Kraft und Geschwindigkeit. Er fasziniert in der
beherrschten Disziplin, in der Ökonomie der Mittel, in der
Bewusstheit des metrischen, agogischen, klanglichen Kalküls.
Dennoch wirken die Etüden nicht kalt berechnet, sondern sind
mit Wärme und Herz erzählt. All die schöne parallelen
Läufe, die wuchtigen Sprünge, das vibrierende Tremolo,
die düstere Kraft sind kein Selbstzweck. Bis hinein in das
puppenhafte, zarte Staccatissimo oder in den differenzierten Pedaleinsatz
stehen alle diese Mittel im Dienst einer poetisch-musikalischen
Idee. Es geht nicht um das Spektrum der pianistischen Kunst, es
geht darum, was mit ihr ausgedrückt werden soll.
Mainpost, 26.11.2003 Von Roman Kocholl
Virtuos und eins mit der Musik
KL bei den Bachtagen
Unfassbar! Was der Pianist KL in seinem Konzert bei den Bachtagen
im Konzertsaal der Hochschule für Musik vollbrachte, grenzt
ans Über-Menschliche. Nicht nur, dass der 26-jährige Pianist
über eine makellose Technik verfügt, die es ihm erlaubt,
auch die heikelsten Klippen der Klavierliteratur scheinbar im Handumdrehen
zu nehmen. Bei ihm kommt auch die Gabe, sich völlig in die
Kompositionen hineinzuversenken, gleichsam eins zu werden mit der
Musik. Dies ermöglicht ihm Momente des Sich-Selbst-Vergessens,
die auch bei seinem Würzburger Konzert, insbesondere bei den
langsamen Passagen, zu erleben waren.
Zwischen den Werken von Girolamo Frescobaldi und Franz Liszt liegen
Welten. Lifschitz ist in beiden zu Hause. Frescobaldi hat seine
Toccaten gewiss nicht für die heute gebräuchlichen großen
Konzertflügel geschrieben. Für Verfechter der historischen
Aufführungspraxis mag es ein Gräuel sein, diese Musik
auf einem modernen Flügel zu hören. Bei Lifschitz stellt
sich diese Frage jedoch nicht. Er demonstrierte eindrucksvoll, dass
sich diese "alte" Musik auch auf einem Konzertflügel
sinnfällig darstellen lässt. Der Klang wirkt gedämpft
und klein und zielt nicht auf Außenwirkung.
Ganz anders die Paganini-Etüden von Franz Liszt: Virtuosen-Literatur
par excellence. Lifschitz spielte sie jedoch nicht vordegründig
tastendonnernd, sondern legte auch hier die musikalische Struktur
frei. So bewegungslos sein Körper vor dem Instrument zu ruhen
schien, so artistisch flogen seine Finger über die Tasten:
als ob ein Akrobat auf dem Hochseil immer noch einen weiteren Salto
dranhängt. Und dabei nie abstürzt.
Kein Ton verschwimmt
Die Stücke sind gespickt mit Höchstschwierigkeiten.
Den Beginn der ersten Etüde bewältigt allein die linke
Hand des Pianisten, wobei der Daumen die Melodie markiert. Im weiteren
verlangen die Stücke sprungsicheres Oktavenspiel, und immer
wieder versucht die Komposition, Paganinis virtuose Springbogentechnik
der Violine zu imitieren. Kein Ton erklingt bei Lifschitz verschwommen,
alles bleibt klar. Und die Musikalität des Pianisten fesselt
vom ersten Ton an.
Nach der Pause erklingt ein Capriccio von Johann Sebastian Bach
und dessen Partita Nr. 6 in e-moll. Auch dabei gelingen Lifschitz
überirdisch schöne Momente. Das Publikum dankt es dem
Pianisten mit langem Beifall und erhält dafür vier zugaben.
Wieslocher Rundschau Kunst 25.4.02
Der behutsame Goldsucher
Eindrucksvoller Klavierabend mit KL
Wie entrückt in irgendein weites, östliches Gefilde
steht er einsam an einem naturhaft klaren, kalten Fluss und liest
nach Goldwäscherart die feinen schimmernden Partikel aus der
sandigen Schale. Geheimnisvoll und sehr sympathisch wirkt KL, wie
viele solche am Leben gereifte Einzelgänger.
Für wenige Minuten lag noch die erwartungsvolle Spannung im
Saal, wie er die Teile I bis XI aus Johann Sebastian Bachs "Musikalischem
Opfer" BWV 1079 (1747) wohl darstellen würde. Dann war
es offenbar: Jeder Ton, jede Sequenz wirkte handverlesen, ausgeteilt
und inhaltsreich, jede Pause und die ebenso engagierte wie gezügelt
gestaltete Dynamik hatten das gleiche Gewicht. Unter den feingliedrigen
Händen von KL zeigte sich ein völlig vergeistigter Bach,
zwar nicht unerfassbar entrückt, wohl aber als Quintessenz
und Idealbild der Musik, die Johann Sebastian Bach geschaffen hat,
die unser Leben begleitet und eine unerklärliche bannende Magie
eigener Art auf uns ausübt. An ihr haftete nichts mehr von
den profanen Einflüssen, wie sie das damalige Musikleben, auch
am Hofe Friedrichs II beeinflusst haben mögen: der geringe
Rang von Musikern im höflischen Gefüge, ihre für
heutige Begriffe bescheidene Instrumentenausstattung, Geflüster,
Tabaksrauch und Kerzengeflimmer bei deb Aufführungen.
Nun steckt in den Ricercares, den Canons und der Fuge ein gerütteltes
Maß von Kompositionsregeln und systematischer Manier. Man
bedurfte also "bei der strengen Imitation der Stimmen nach
dem einmal gewählten Modus" beim Krebsgang und dem Spiralkanon
eines sicheren, verlässlichen Führers. Aber da ließ
Lifschitz niemand im Stich. Wie klug war es, nach diesem singulären
Erlebnis des Abends eine Pause anzusetzen! KL ist ein meditierender
Interpret, der gelegentlich auch Passagen in einem kaum noch wahrnehmbaren
Pianissimo verhauchen lässt und akkordischen Saitendonner vermeidet.
Nut hat auch Ludwig van Beethoven durchaus seine stürmerischen
oder bukolisch-erdverbundenen Seiten. Das Stück, das Lifschitz
ausgewählt hat, die Klaviersonate Nr. 26 Es-Dur op. 81a mit
dem Titel "Lebe wohl", ist jedoch von anderer Art. Es
gibt die feinsinnige Poesie eines Abschieds, einer Zeit des Getrenntseins
und der glücklichen Wiederkehr des Freundes wieder. Entsprechend
behutsam und vergeistigt hat der Pianist die drei Sätze interpretiert.
Dabei entstand ein sublimes Wesensbild von Beethovens Musik. So
formierte sich ein sehr nachhaltiges Erlebnis. Anders erging es
einem mit dem Zwölftöner Anton Webern und seinen Variationen
für Klavier op. 27. Diese bedurften erst einer inneren Übersetzung
im Kopf des Zuhörers. Wenn man wollte, konnte man das Anschauungsbild
einer Grotte entwickeln, in der Wassertropfen in scheinbar beliebigen
Zeitintervallen und mit allen möglichen Tönen der Skala
fallen, allerdings nicht zögernd im jahrmillionen Spiel der
Erdzeit, sondern schneller und entschlossener und manchmal verstärkt
wie markierende Hammerschläge, unter die sich nur abschnittweise
sanglichere Motive mischten. Auch von diesem Werk heißt es,
dass es Weberns Idee von Musik besonders widerspiegle.
Frederic Chopin galt schon immer als feinnervig-sensibel. Sein in
den Nocturnes entwickeltes entrücktes Klangtimbre imponiert
vor allem bei alten Platteneinspielungen, die die Atmosphäre
der musikalischen Salons aus der Mitte des 19. Jahrhunderts widerspiegeln.
Chopin, der Komponist, und Lifschitz, der Interpret, sind zwei Wesensverwandte,
so will es scheinen. Sie erzeugten aber bei ihrem Zusammenwirken
keinerlei Interferenzen, wie sie bei eigenwilligen Charakteren entstehen
könnten. Lifschitz spielte die drei schönen Mazurken op.
63, dass es eine Lust war zuzuhören, und weil er spürte,
dass ihn mit dem Publikum das Publikum mit seinem Spiel an diesem
Abend viel verband, eine weitere, noch strahlendere Mazurka von
Chopin, ein fröhliches Martellato von Domenico Scarlatti und
eine Ballade von Johannes Brahms, - Brahms, wie man ihn kennt und
schätzt.
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