Selbstportrait Repertoire Diskographie Deutsche Presse Nächste Konzerte Kontakt Gallerie, Geschichte, Musik
     
PRESSE

 

Frankfurter Rundschau 18. 08. 2004 Von Gerd Döring

Grundton-Treffer

Pianist KL zeigt sich auf Schloss Johannisberg als perfekter Skrjabin-Interpret

Dem eigenwilligen Alexander Nikolajewitsch Skrjabin hätte es wohl gefallen, das Kostüm, das KL für sein Recital beim Rheingau-Musik-Festival ausgewählt hat. Auf drei Klavierabende verteilt sind in diesem Sommer alle Klaviersonaten des russischen Komponisten zu hören - und Lifschitz, im zweiten Konzert, ist vielleicht der kompetenteste der eingeladenen Skrjabin-Interpreten. Ein Grübler, der sich mit Inbrunst in die Vorstellungswelt des Komponisten hineinversetzt, ein Perfektionist zudem, der die technischen Schwierigkeiten mühelos bewältigt. Für sein Klavierabend im Rheingau hat er sich in ein Cape gehüllt, und mit seinem dunklen Bart, dem blassen Teint ruft er Assoziationen wach an Scwärmer und Barrikadenstürmer.
Im Stehen fast beginnt er die erste Sonate, mit hämmerndem Anschlag lässt er den Steinway zuweilen arg brummen und summen, dann wieder nimmt er sich lange Pausen, setzt geradezu blumige Akzente. Indes, das ist keine Effekthascherei. Die so ungestüme Weltsicht des Komponisten setzt Lifschitz mit nachdruck um, den schwärmerisch-pathetischen Grundton der Kompositionen trifft er exakt. Schon nach dem ersten Satz, einem halsbrecherischen Allegro con fuoco, erhält der Mann in Schwarz zögernd Beifall. Beeindruckend auch, wie Lifschitz in der Sonate Nr. 4 fis-Dur op. 30 den Vorstellungen Skrjabins gerecht wird. Die Rechte irrlichtert durch Andante und Prestissimo volando, während die Linke die Melodieführung übernimmt. Mit der Sonate Nr. 1 f-Moll op. 6, geschrieben von dem Zwanzigjährigen, beginnt eine Zeitreise durch das Werk des Komponisten, die endet mit eine der letzten, 1913 vollendeten, einsätzigen Sonate Nr. 8 op. 66.
Studiert hat der 1976 geborene L. in Moskau am renommierten Gnessin-Institut, längst aber ist der Pianist zum Kosmopoliten geworden, pendelt zwischen Russland, Deutschland und den USA, wo seine Familie lebt. In Schloss Johannisberg zeigt sich der wortkarge Pianist als wunderbarer Sachwalter der musikalischen Materials. Erarbeitet hat er sich inzwischen ein breites Programm: Beethoven, Chopin, Schubert, Schumann, Bach, Couperin und Rameau, dazu seine Landsleute Medtner, Rachmaninoff, Skrjabin. Noch meldet der technisch so perfekte Interpret die moderne.
Den drei Skrjabin-Sonaten stellt er Beethovens Diabelli-Variationen op. 120 zur Seite. Das Vivace-Thema stellt er vor mit grellem Witz, leitet es über mit quasi ironischem Pomp ins Alla Marcia maestoso und lässt die folgenden mal bissigen, mal versponnenen Anverwandlungen des Walzer-Themas Revue passieren, Eine ausgeklügelte Tour-de-Force, die er erst in der Zugabe mildiert. Gerade haben sich die ersten erhoben und applaudieren im Stehen, da nötigt der Pianist die Zuschauer wieder auf ihre Plätze und nimmt mit einem zauberischen Praeludium und Fuge dem Abend seine Strenge. Hat er bislang Strukturen offen gelegt und Noten getürmt, so wandert er hier traumverloren über die Tasten, eine andere, nicht minder überzeugende Seite von Lifschitz.


WAZ, 18.07.2003 Hans-Jörg Loskill

Dieser Pianist überrennt die alten Klischees

Hinreißend: KL

Sponsor Gelsenwasser landete beim Klavier-Festival Ruhr einen Volltreffer. Im gut besuchten Großen Haus des Musiktheaters erwies sich das Solo von KL, 26, als einer der Höhepunkte der diesjährigen Pianisten-Stafette.
Bei diesem Recital mit dem jungen Russen... stimmte alles. Das Programm trug eine deutliche persönliche Handschrift (Schumann, Martinu, Liszt), einen solch' kultivierten Anschlag beherrscht nur ein Künstler der Extraklasse, Romantik wurde in all' ihren Facetten analysiert, das virtuose Element überrannte die Klischees, mit denen ein Komponist wie Franz Liszt als Gigantomane leben muss, Musik unter den filigranen und sensiblen Händen von Lifschitz besitzt den Charakter von Lebensabschnitten und -bildern: Szenen aus dem seelischen Befinden der Komponisten, gespiegelt in den Emotionen des Solisten.
Dabei kommt er beinahe linkisch aufs Podium, schaut bemerkenswert oft in Richtung Vorhang (also nicht zum Publikum), als suche er dort noch die letzte Inspiration oder ein geistiges Echo auf sein fabelhaftes Spiel. Lifschitz nimmt den Rang eines introvertierten jungen Menschen ein, der technische Herausforderungen mit Anmut besteht - wie beim Miniaturenkosmos der "Davidsbündlertänze" von Robert Schumann oder wie bei Franz Liszts sechs "Grandes etudes" nach den Violin-Capricen und "La campanella" von Niccolo Paganini, Da klingt alles homogen, harmonisch, organisch, beseelt und tief erfüllt. Hinreißend!
Bei Bohuslav Martinus Rarität, der Fantasie und Toccata, entzündete sich sein solistisches Feuer an den jazzigen Rhytmusfarben. Lifschitz, der sich von den Schumannschen "Papillons" bis zur letzten seiner vier Zugaben (Bach, Liszt u.a.) höchste Konzentration bei schweißtreibenden Temperaturen auferlegte, vermittelte den Eindruck eines außergewöhnlichen Ereignisses. Der Beifall fiel dementsprechend aus.
Mit diesem Abend ging die Gelsenkirchener Serie des Klavierfestivals Ruhrgebiet zu Ende. Es war eine Demonstration für die Ästhetik auf den schwarzen und weißen Tasten - ein Plädoyer für die "unsterbliche" Klaviermusik.


Westfällischer Anzeiger 18.07.2003 Von Elisabeth Elling

Verklärungen

KLAVIER-FESTIVAL RUHR Der Pianist KL in Gelsenkirchen

Zwei Zugaben legen eine Spur zu der Kunst des Pianisten Konstantin Lifschitz. Die Vielstimmigkeiten bei Johann Sebastian Bach, die er fernab des historischen Schlankheitswahns zelebriert, offenbaren seine analytische Verklärungskraft...
Aber nicht erst bei den Zugaben halten die Zuhörer im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier den Atem an. Sie haben Lifschitz bereits mit Schumanns Davidsbündlertänzen op.6 und dann vor allem mit Liszts Grandes études de Paganini (Fassung von 1851) erlebt. Ein sensationelles Konzert beim KlavierFestival Ruhr.
Dabei verweigert sich der 26 - Jährige dem Aufsehen, zieht sich hinter die Musik zurück: Ein hagerer junger Mann mit vornüber gebeugten Schultern, schwarzem Rauschebart und Frack, der vor dem Flügel Platz nimmt und sofort beginnt mit Schumanns Papillons op. 2. Der keinen Augenkontakt sucht zum Publikum, sondern seine Hände auf den Tasten beobachtet - oder den Halbkreis der Grünpflanzen links neben ihm der Bühne...
Schon die Davidsbündlertänze sind Staunen erregend. Ganz abgeklärt, wie ein versöhnter Rückblick auf vergangene Erregungen, klingen Schumanns Selbstreflexionen. Welche Piani sind da zu erlauschen! Ganz eben in die Tasten gedrückt, im Vorbeistreichen angemerkt, mit behutsamer Innigkeit belebt oder eigenartig stumpf und abgewandt. Doch es gibt auch Aggressionen: atemlos und zerfahren ("Ungeduldig") oder bis zur Implosion stürmend und drängend (Sehr rasch und in sich hinein").
Und dann die Liszt-Etudes. Artistische Vorzeigestücke, ganz in der Repertoire-Tradition russischen Pianistenschule, zu deren Heroen Horowitz, Richter, Gilels ihn die Kritik schon als 15-Jährigen einreihte. Er bewältigt die virtuosen Unglaublichkeiten mit sprödem Understatement, etwa die Passage für die linke Hand in der ersten Etüde, um dann die Läufe kollern zu lassen, als kraule der von Liszt bewunderte Paganini die Saiten des Violinenhalses.
Lifschitz hantiert mit seiner technischen Perfektion nicht um ihrer selbst willen, sondern um Klang räume zu entdecken und feinste Schichten freizulegen aus Farbe, Dichte, Dynamik, Festigkeiten und Zärtegraden. Das gis-Moll Etude Nr. 3 ("La Campanella") entrückt er in gläserne Unwirklichkeit. In dieser sakralen Sphäre treffen sich seine Bach- und Liszt-Lesarten.


Main Echo 26.11.2003 Werner Häußner

Voller Hingabe

Weltklasse in Würzburg: Pianist KL

Ein nachweislich weltgewandter Würzburger Konzertgänger bemerkte nach dem Auftritt von KL bei den Bachtagen, das Spiel des jungen Mannes könne er nur mit einem vergleichen: Wladimir Horowitz. Sind solche Superlative für gewöhnlich aus momentaner Begeisterung gespeiste Übertreibungen, sind sie im Falle des 26-jährigen Russen nicht zu weit hergeholt.

In Gipfelregionen der Klavierkunst

Im...Großen Saal der Musikhochschule hat sich erneut bestätigt, dass hier ein Ausnahmetalent herangereift ist, das zu den Großen der Klaviermusik gehören wird, wenn man nicht schon jetzt konstatieren muss, dass Lifschitz sich bereits in den Gipfelregionen seiner Kunst bewegt. Was den Ausnahmerang dieses Pianisten unterstreicht: Lifschitz hätte nicht der sechs gigantischen Paganini-Etüden Franz Liszts bedurft, um im Saal atemlose Spannung und mucksmäuschenstille Aufmerksamkeit zu wecken: Das schafft er problemlos mit Frescobaldi und Bach! Drei Toccaten, ein Ricercar und eine Bergamasca des frühbarocken Meisters genügen um zu verzaubern. Lifschitz formt die Stücke zu höchst individuellen, hingebungsvoll gestalteten Miniaturen. Nur schwer ist zu fassen, worin die Faszination solcher Klavierkunst besteht, denn alle Parameter wie sorgsame Agogik, sensibel geformte Arpeggien und Verzierungen, nachsinnende Gewichtung von Schlüsselnoten, exquisite Phrasierung und ein souveräner Blick für den formalen Aufbau reichen nicht hin, die Faszination zu erklären. Das können auch andere.
Aber Lifschitz formuliert daraus etwas wie ein persönliches Bekenntnis. Da ist Musik durchdrungen von der Person des Pianisten, unspektakulär, unaufwändig, doch mit einem existentiellen Ernst und Einsatz, der es rechtfertigt, auf Horowitz, Gould oder, um einen ähnlich potenten Zeitgenossen zu nennen, Grigory Sokolow zu schielen. Und dann der Bach des KL: kein historisch bemühtes Gestocher, sondern ein entrückter Kosmos von Musik, in jedem Moment dem Bachischen Genius huldigend, den manch anderer mit bemühter Korrektheit einzufangen strebt. Das Capriccio über die "Abreise des innig geliebten Bruders" (BWV 992) wird zu glänzend erzähltene kleine Geschichte, farbigen Charakterstücken, die wieder einmal bedauern lassen, dass Bach bei so viel rhetorischem Talent keine Oper geschrieben hat. Großartige Formübersicht, spannungsvolle Inszenierung en detail, bis in die letzte Verästelung durchhörte Komplexität, so könnte Lifschitzs Zugang beschrieben werden wäre da nicht dieses "Mehr", das sich kaum benennen lässt. Lifschitz schafft es die "Abschied nehmenden Freunde" wie musikalische Charaktere auftreten zu lassen, gibt ihnen Profil, Gewicht, dramatisches Leben.
Und die e-moll-Partita (BWV 830) wird unter seinen Händen zu einer vergeistigten Studie über absolute Musik, zu einer verinnerlichten Meditation über die Form, die alles andere als trockenes Exerzitium ist: Wie Lifschitz den inneren Bezügen nachlauscht, wie er sie in souveräner Darstellungskunst musikalisch vergegenwärtigt, ist nicht nur ein Zeugnis höchster Pianistenkunst, sondern auch ein Indiz für eine innere Kraft, die aufzubringen nicht jedem gegeben ist.

Beherrschte Disziplin

Schließlich Franz Liszt von Lifschitz nicht zelebriert mit der hexerischen Attitude des dämonischen Virtuosen. Lifschitz besticht gerade nicht im Hochwerfen der Arme und in der donnernden Demonstration von Kraft und Geschwindigkeit. Er fasziniert in der beherrschten Disziplin, in der Ökonomie der Mittel, in der Bewusstheit des metrischen, agogischen, klanglichen Kalküls. Dennoch wirken die Etüden nicht kalt berechnet, sondern sind mit Wärme und Herz erzählt. All die schöne parallelen Läufe, die wuchtigen Sprünge, das vibrierende Tremolo, die düstere Kraft sind kein Selbstzweck. Bis hinein in das puppenhafte, zarte Staccatissimo oder in den differenzierten Pedaleinsatz stehen alle diese Mittel im Dienst einer poetisch-musikalischen Idee. Es geht nicht um das Spektrum der pianistischen Kunst, es geht darum, was mit ihr ausgedrückt werden soll.


Mainpost, 26.11.2003 Von Roman Kocholl

Virtuos und eins mit der Musik
KL bei den Bachtagen

Unfassbar! Was der Pianist KL in seinem Konzert bei den Bachtagen im Konzertsaal der Hochschule für Musik vollbrachte, grenzt ans Über-Menschliche. Nicht nur, dass der 26-jährige Pianist über eine makellose Technik verfügt, die es ihm erlaubt, auch die heikelsten Klippen der Klavierliteratur scheinbar im Handumdrehen zu nehmen. Bei ihm kommt auch die Gabe, sich völlig in die Kompositionen hineinzuversenken, gleichsam eins zu werden mit der Musik. Dies ermöglicht ihm Momente des Sich-Selbst-Vergessens, die auch bei seinem Würzburger Konzert, insbesondere bei den langsamen Passagen, zu erleben waren.
Zwischen den Werken von Girolamo Frescobaldi und Franz Liszt liegen Welten. Lifschitz ist in beiden zu Hause. Frescobaldi hat seine Toccaten gewiss nicht für die heute gebräuchlichen großen Konzertflügel geschrieben. Für Verfechter der historischen Aufführungspraxis mag es ein Gräuel sein, diese Musik auf einem modernen Flügel zu hören. Bei Lifschitz stellt sich diese Frage jedoch nicht. Er demonstrierte eindrucksvoll, dass sich diese "alte" Musik auch auf einem Konzertflügel sinnfällig darstellen lässt. Der Klang wirkt gedämpft und klein und zielt nicht auf Außenwirkung.
Ganz anders die Paganini-Etüden von Franz Liszt: Virtuosen-Literatur par excellence. Lifschitz spielte sie jedoch nicht vordegründig tastendonnernd, sondern legte auch hier die musikalische Struktur frei. So bewegungslos sein Körper vor dem Instrument zu ruhen schien, so artistisch flogen seine Finger über die Tasten: als ob ein Akrobat auf dem Hochseil immer noch einen weiteren Salto dranhängt. Und dabei nie abstürzt.

Kein Ton verschwimmt

Die Stücke sind gespickt mit Höchstschwierigkeiten. Den Beginn der ersten Etüde bewältigt allein die linke Hand des Pianisten, wobei der Daumen die Melodie markiert. Im weiteren verlangen die Stücke sprungsicheres Oktavenspiel, und immer wieder versucht die Komposition, Paganinis virtuose Springbogentechnik der Violine zu imitieren. Kein Ton erklingt bei Lifschitz verschwommen, alles bleibt klar. Und die Musikalität des Pianisten fesselt vom ersten Ton an.
Nach der Pause erklingt ein Capriccio von Johann Sebastian Bach und dessen Partita Nr. 6 in e-moll. Auch dabei gelingen Lifschitz überirdisch schöne Momente. Das Publikum dankt es dem Pianisten mit langem Beifall und erhält dafür vier zugaben.


Wieslocher Rundschau Kunst 25.4.02

Der behutsame Goldsucher

Eindrucksvoller Klavierabend mit KL

Wie entrückt in irgendein weites, östliches Gefilde steht er einsam an einem naturhaft klaren, kalten Fluss und liest nach Goldwäscherart die feinen schimmernden Partikel aus der sandigen Schale. Geheimnisvoll und sehr sympathisch wirkt KL, wie viele solche am Leben gereifte Einzelgänger.
Für wenige Minuten lag noch die erwartungsvolle Spannung im Saal, wie er die Teile I bis XI aus Johann Sebastian Bachs "Musikalischem Opfer" BWV 1079 (1747) wohl darstellen würde. Dann war es offenbar: Jeder Ton, jede Sequenz wirkte handverlesen, ausgeteilt und inhaltsreich, jede Pause und die ebenso engagierte wie gezügelt gestaltete Dynamik hatten das gleiche Gewicht. Unter den feingliedrigen Händen von KL zeigte sich ein völlig vergeistigter Bach, zwar nicht unerfassbar entrückt, wohl aber als Quintessenz und Idealbild der Musik, die Johann Sebastian Bach geschaffen hat, die unser Leben begleitet und eine unerklärliche bannende Magie eigener Art auf uns ausübt. An ihr haftete nichts mehr von den profanen Einflüssen, wie sie das damalige Musikleben, auch am Hofe Friedrichs II beeinflusst haben mögen: der geringe Rang von Musikern im höflischen Gefüge, ihre für heutige Begriffe bescheidene Instrumentenausstattung, Geflüster, Tabaksrauch und Kerzengeflimmer bei deb Aufführungen.
Nun steckt in den Ricercares, den Canons und der Fuge ein gerütteltes Maß von Kompositionsregeln und systematischer Manier. Man bedurfte also "bei der strengen Imitation der Stimmen nach dem einmal gewählten Modus" beim Krebsgang und dem Spiralkanon eines sicheren, verlässlichen Führers. Aber da ließ Lifschitz niemand im Stich. Wie klug war es, nach diesem singulären Erlebnis des Abends eine Pause anzusetzen! KL ist ein meditierender Interpret, der gelegentlich auch Passagen in einem kaum noch wahrnehmbaren Pianissimo verhauchen lässt und akkordischen Saitendonner vermeidet. Nut hat auch Ludwig van Beethoven durchaus seine stürmerischen oder bukolisch-erdverbundenen Seiten. Das Stück, das Lifschitz ausgewählt hat, die Klaviersonate Nr. 26 Es-Dur op. 81a mit dem Titel "Lebe wohl", ist jedoch von anderer Art. Es gibt die feinsinnige Poesie eines Abschieds, einer Zeit des Getrenntseins und der glücklichen Wiederkehr des Freundes wieder. Entsprechend behutsam und vergeistigt hat der Pianist die drei Sätze interpretiert. Dabei entstand ein sublimes Wesensbild von Beethovens Musik. So formierte sich ein sehr nachhaltiges Erlebnis. Anders erging es einem mit dem Zwölftöner Anton Webern und seinen Variationen für Klavier op. 27. Diese bedurften erst einer inneren Übersetzung im Kopf des Zuhörers. Wenn man wollte, konnte man das Anschauungsbild einer Grotte entwickeln, in der Wassertropfen in scheinbar beliebigen Zeitintervallen und mit allen möglichen Tönen der Skala fallen, allerdings nicht zögernd im jahrmillionen Spiel der Erdzeit, sondern schneller und entschlossener und manchmal verstärkt wie markierende Hammerschläge, unter die sich nur abschnittweise sanglichere Motive mischten. Auch von diesem Werk heißt es, dass es Weberns Idee von Musik besonders widerspiegle.
Frederic Chopin galt schon immer als feinnervig-sensibel. Sein in den Nocturnes entwickeltes entrücktes Klangtimbre imponiert vor allem bei alten Platteneinspielungen, die die Atmosphäre der musikalischen Salons aus der Mitte des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. Chopin, der Komponist, und Lifschitz, der Interpret, sind zwei Wesensverwandte, so will es scheinen. Sie erzeugten aber bei ihrem Zusammenwirken keinerlei Interferenzen, wie sie bei eigenwilligen Charakteren entstehen könnten. Lifschitz spielte die drei schönen Mazurken op. 63, dass es eine Lust war zuzuhören, und weil er spürte, dass ihn mit dem Publikum das Publikum mit seinem Spiel an diesem Abend viel verband, eine weitere, noch strahlendere Mazurka von Chopin, ein fröhliches Martellato von Domenico Scarlatti und eine Ballade von Johannes Brahms, - Brahms, wie man ihn kennt und schätzt.